Der sehr geschätzte Blog von Roland Tichy, den man genau genommen als Magazin und eines der guten Alternativ-Medien bezeichnen könnte, mit ziemlich  herausragenden Autoren, macht im Beitrag von Gerd Maas auch diesmal eine gute Figur, weil er eine kritische Betrachtung zum Gender-Mainstreaming, bzw. dem inhärenten Neusprech aufzeigt:

Gender macht böse Schule

Das Gender-Mainstreaming hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Zumindest lassen das verschiedene Medienberichte der jüngeren Zeit schwer vermuten. „Bayerische Unis setzen auf geschlechterneutrale Sprache“, titeln die Nürnberger Nachrichten und offenbaren im Artikel en passant, dass es da nicht nur um Verwaltungsdokumente geht, sondern dass auch von den „Studierenden“ – wie heute Studenten genannt werden müssen – „geschlechtergerechte“ Sprache erwartet wird. Das würde zwar „eher selten“ mithilfe von schlechteren Benotungen durchgesetzt, aber eigentlich weiß man es gar nicht so genau, weil letztlich der einzelne Dozent darüber entscheidet. Das lässt aufhorchen. Wer nicht gendert, läuft Gefahr schlechtere Noten zu bekommen?

Hierzu gab es eine hervorragende Persiflage der Kommentatorin „Nachdenkerin“, welche das folgende an das Bundesministerium für Verkehr („der oder die Rad- Fahrende“) schrieb – und nie eine Antwort bekam:

Liebes Verkehrsministerium,

die Lektüre der neuen Straßenverkehrsordnung, die „an das Erfordernis der sprachlichen Gleichbehandlung von Männern und Frauen“ angepaßt wurde, war mir ein seelisches Labsal, denn in den Jahrzehnten, die ich als deutsche Bürgerin in diesem Staat lebe, habe ich ebensoviele Jahrzehnte unter meiner Unsichtbarkeit gelitten. Deshalb sage ich: DANKE, tausend Dank!

Allen Päpstinnen der Frauenrechte und ihren Mitschwestern sei Dank, daß neben der rechtlichen Gleichstellung der Frauen nun endlich auch die sprachliche Säuberung der deutschen Sprache und die Gleichstellung der Substantive in Angriff genommen wird.

Warum wurde mir eigentlich vor vielen Jahren ein Führerschein ausgehändigt? Hat der Prüfer nicht gemerkt, daß ich eine Frau bin? Darf ich mit diesem Dokument weiter Auto fahren? Oder sollte ich ihn bei der Zulassungsstelle gegen eine Gleichstellungsinkrafttretungsgebühr in einen Führerinnenschein umschreiben lassen?

Trotz dieser kleinen Irritation lese ich voller Genugtuung, daß nun endlich die geschlechtergerechte Sprache sogar in die Straßenverkehrsordnung Einzug gehalten hat. Doch gemach! Bei meiner weiteren intensiven Lektüre dämmert mir, daß es gar nicht mehr nur um Männer und Frauen geht, wie an ästhetisch schöner Schreibung mit Binnen-I, Schrägstrichen, Unterstrichen oder astrologischen Symbolen erkennbar wäre, sondern um Personen undefinierbaren Geschlechts, weswegen eine nicht geschlechtergerechte, sondern geschlechtslose Sprache gepflegt wird. Die gewünschte Geschlechtslosigkeit erkenne ich an stilistisch gekonnten Formulierungen wie „zu Fuß Gehende“, oder „… so darf sich vorsichtig in die Kreuzung oder Einmündung hineingetastet werden.“ Zur Freude der Gleichstellungsexperten hat die deutsche Sprache in weiser Voraussicht die Wörter „Kind, Person, Mensch“ geschlechtsneutral gehalten (wenn auch letzteres nur bedingt), so daß den Bearbeitern, pardon: Bearbeitenden, pardon: bearbeitet Habenden der neuen Straßenverkehrsordnung ermüdende Ersatzwort-Suchtätigkeit erspart blieb.

Leider sind diese Bearbeiter (ich erlaube mir mal diese sexistische Bezeichnung und bitte bearbeitende Frauen, Zwitter oder Transsexuelle ausdrücklich um Entschuldigung) im Laufe des Bearbeitens doch etwas ermattet und haben zwar aus den Verkehrsteilnehmern und den Radfahrern „am Verkehr Teilnehmende“ und „Rad Fahrende“ gemacht, aber trotzdem ist noch von Subunternehmern, Antragstellern, Bewohnern städtischer Quartiere, Führern von Kinder- oder Jugendgruppen, Tierhaltern, Treibern oder Führern von Vieh die Rede.

Und wie verhält es sich nun mit den Verkehrsschildern? Unter den Symbolen steht, um zwei Beispiele herauszugreifen, „Fußgänger“ oder „Reiter“. Man sieht auch mancherorten das Schild „Radfahrer frei“. Müssen Radlerinnen außen herum fahren? Und dürfen Frauen womöglich gar nicht reiten? Oder ist es in unserer frauenbewegten Zeit ein besonderes Privileg für Frauen, wenn sie im Verkehr machen dürfen, was sie wollen? Denn da heißt es sinngemäß: „Verkehrsteilnehmer müssen sich gegenüber Polizeibeamten auf Verlangen ausweisen.“ Männliche Raser müssen sich also gegenüber Beamtinnen nicht ausweisen, und weibliche Raser oder betrunkene Fahrerinnen überhaupt nicht, denn sie sind ja schließlich keine Verkehrsteilnehmer (die im weiteren Verlauf des Textes doch wieder auftauchen). Gleiches gilt für transsexuelle am Verkehr Teilnehmende oder ebensolche Polizeidienst Tuende.

Im übrigen fällt auf, daß man/frau/zwitter die deutsche Sprache nicht ganz beherrscht. In vielen Absätzen hat der/die/das Bearbeitende das Wort „er“ konsequent vermieden und ist in eine Passivkonstruktion ausgewichen. Der Satz „Wer die Vorfahrt zu beachten hat, muss rechtzeitig durch sein Fahrverhalten … erkennen lassen, dass …“ schließt nicht mit den Worten „…daß er warten wird“, wie man vermutet hätte, sondern mit der genialen Formulierung „…dass gewartet wird“. Wer wartet da eigentlich? Und im Fragepronomen „wer“ steckt auch noch die männliche Form!

Schweden hat das Problem erkannt. Dort wurde ein geschlechtsloses Pronomen erfunden, um die gesellschaftlichen Mängel der indogermanischen Sprachen zu beheben. Der paradiesische Endzustand des neuen Menschen ist aber schon heute im Türkischen erreicht, das gar kein grammatisches Genus besitzt. Wir sollten uns in der Türkei (oder auch in Ungarn, Indonesien, Vietnam) Rat holen. Dort ist die Benachteiligung von Frauen offenbar schon seit Urzeiten aufgehoben.

Für den Fall, daß nach diesem hoffnungsvollen Anfang sämtliche deutschen Gesetze geschlechtslos umgeschrieben werden sollten (so zum Beispiel StGB: „Mordende[r] oder gemordet Habende[r] ist, wer …“; BGB: „Der/die Vermietende von Wohnraum soll den/die Mietende[n] …“), könnte man mich an das entsprechende Ministerium als Umarbeitende empfehlen. Ich stünde bereit. Für diesen Fall bitte ich allerdings zwecks Einrichtung eines Mitarbeitendenstabes um eine angemessene finanzielle Unterstützung.

Mit vorzüglicher Hochachtung

eine Deutschland Bewohnende

Vielleicht hätte der oder die ‚Kommtare schreibende‘ noch ein paar Regeln beherzigen sollen, u.a., dass man das „er“ durch ein X, @ oder A ersetzt, wie hier schon mal beschrieben wurde bzw. es auch die nachfolgende Graphik anschaulich aufzeigt:

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Man kann nur hoffen, dass der im November diesen Jahres  stattfindende Genderkongress, welcher sich kritisch mit der ganzen Fragestellung an sich:

„Gender bedeutet Geschlecht. Nicht weibliches oder männliches Geschlecht. Seit den 90´er Jahren jedoch galt: Wo Gender draufsteht, ist Frauenpolitik drin.

Diese Einseitigkeit wird in dem DEUTSCHEN GENDER KONGRESS aufgehoben. Geschlechterpolitik wird hier zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik in einem ganzheitlichen Sinne verstanden und interpretiert“

auch im kontextsensitiven Sinne der Sprachverhunzung -durch eine bewusste Feminisierung der deutschen Sprache- auseinandersetzt. Denn immerhin wird auf den Beitrag von Gerd Maas recht direkt verwiesen, selbst wenn man auf den Artikel ohne das Wort „böse“ hinweist (Publikationen, „V. Bildung: Unterschiede in der Mädchen und Jungenförderung?“)

Denn nichts anderes passiert mit diesem Unfug, Syntax und Semantik nur noch damit zu missbrauchen, dass Alles nur noch auf „E“ endet und nicht mit „ER“ finalisiert werden muss. Letzterer also auch in der behördlichen Amtsprache gefälligst zu ‚verschwinden‘ hat.

Und das man sich dann endlich wieder den wirklich wichtigen Inhalten dieser Gesellschaft widmet, anstatt, dass (unter anderem) ein Neusprech per Zwang oktruyiert werden soll. Themen dazu gibt – und gab es genug …

Nicht nur in den Zeiten des Sommerlochs!

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