Ein ziemlich persönlicher Beitrag, der viel in der ich-Form geschrieben sein wird. Einer, der mancher egozentrisch anmuten könnte und dennoch mal das beschreibt, was jeden Tag in diesem Land passiert.

Genetik bedeuted, dass zwei Menschen sich sexuell vereinigen und etwas Neues daraus entsteht. Diese Vererbungslehre bedeutet aber ebenfalls, dass aus dem natürlichen Prozess von „Mutation und Selektion“ etwas Neues und Evolutionionäres entsteht. Quasi eine Art ‚Unsterblichkeit‘ auf begrenzte Zeit, denn mit jeder Generation halbiert sich potenzierend die Wahrscheinlichkeit, in seinen Enkelskindern weiter zu leben.

Aber das soll hier nicht das Thema sein und es geht auch nicht um irgendwelche Diskussionen oder abgehobenen Beiträge zum Thema „Sozialisation“ oder ähnlichem.

Es geht schlicht und einfach um einfach um das hier:

Abtreibung

Die etwas dramatisch wirkende Überschrift oben, mag polarisierend klingen – so man denn den einleitenden Text nicht verstanden hat. Aber er ist es nicht im Kontext der Fortpflanzung – und ich stellte im Laufe meines Lebens fest, dass es ausgeblendete Grauzonen in der Gesellschaft gibt, die bis heute kaum einer Betrachtung wert waren, denn „ihr Bauch gehört ihr“. Ist dem wirklich so, oder reden wir von einer Gruppe Narzisstinnen, die sich nabelzentriert nur um sich selbst dreht und dabei vergisst, dass es immer zwei Seiten gibt?

Der Auslöser zu diesem Thema war ein Beitrag von Graublau hier und es ging um das Thema „Sexuelle Selbstverantortung und Fortpflanzung“; sinngemäß. Daraus entspann sich eine Diskussion, welche u.a. im Thema Abtreibung mündete. Und diese hatte, bei bestimmten Menschen, immer den gleichen Grundtenor: Die Mutter trägt das Risiko, der Vater hatte seinen Spaß und sollte diesbezüglich auch nichts zu melden haben.

Dies ist nun stark ‚abstrahiert‘, stellt aber dar, wo ein Vater-in-spe steht – und wo sich eine Mutter-in-spe zu wähnen scheint: „Eine links, eine rechts und einen fallen lassen“ (es geht dabei nicht nur ums Stricken)

Irgendwann platzte mir der Kragen und ich brachte mich um eine Nacht, in einer hitzigen Diskussion, welche u.a. so (und nicht direkt) kommentiert wurde:

„Beim Thema Abtreibung gibt es überhaupt keinen maskulistischen Konsens und keine Forderungen, sondern lediglich Vorschläge wie dass Väter ihren Widerspruch zumindest offiziell festhalten können und im Fall einer Traumatisierung aufgrund ihrer Machtlosigkeit, bei der Tötung ihres Nachwuchses kein Einspruchsrecht zu haben, bessere therapeutische Hilfe erhalten sollten.

Was passiert in diesen und zahllosen anderen Fällen? Feministinnen führen sich in einer unfassbaren Weise auf und steigern sich in die schrillste Empörung hinein, weil Männer ihren diversen Behauptungen und Wünschen überhaupt noch zu widersprechen wagen, statt bei all diesen Fragen ausschließlich radikalfeministische Maßstäbe gelten zu lassen. Diese „Empörung“ erinnert regelmäßig an die Tobsuchtsanfälle von Vierjährigen“

Bevor ich dieses Zitat auf „Genderama“ las, hat mich diese unglaublich ‚emanzipierte‘ Diskussion; nebst einer Argumentation auf selbstfixierter Ebene derartig ‚getriggert‘ und ‚gespoilert‘, dass ich zu nachtschlafender Zeit das Folgende schrieb:

“Die Frau, die ich mal liebte wurde schwanger – und hat abgetrieben. Es war sicherlich nicht einfach für sie – aber ebenso sicher fehlte jede persönliche und gesellschaftliche Empathie dafür, wie sich der Partner dabei fühlt und was er gerne gewünscht hätte.

Und dieses auch auf eigenes finanzielles Risiko, ohne Regressansprüche, durchzuziehen bereit wäre. Der Name des Kindes hätte (so ein Junge) Julian gelautet – auch wenn er jurististisch nur ein Es bis dato war. Nun liegt der fiktive “er” auf dem Komposthaufen ungelebter Geschichte.”

Tja, das ist lange her, seit es mir passiert ist (bzw. ich erleben musste). Hier also nun die Geschichte hinter der Geschichte und ich hoffe, die lange Einleitung hat, bis jetzt, noch niemanden zum Einschlafen gebracht.

Es ist eine kleine Geschichte der Zeit, unter der Männer heutzutage sozialisiert werden, aufwachsen müssem und mit deren Nebenwirkungen sie halt zu leben haben – bzw. zu leben lernen müssen, in diesem Zeitalter einer ‚Selbstbestimmung‘. Es ist die Geschichte eines Vaters in spe, welcher mitabgetrieben wurde und das Selbstbestimmungsrecht über sein Erbgut verlor:

Mein Name war Julian

Niemand kennt mich, niemand nimmt Notiz von mir und niemand nimmt mich wahr – denn ich existiere nicht und werde es auch niemals tun.

Denn ich war ein „Zellklumpen“, juristisch ein Ding und neuronal noch nicht ausgebildet. Und ich war zur falschen Zeit wohl am falschen Ort.

Es war ein schöner Vorsommertag, als ich mit meiner Freundin Konstanze in einem Park spazieren ging. Händchenhaltend und verliebt gingen wir also flanieren und anschließend ins näheste Café. Ein traumhafter Tag also.

Während wir Kaffee tranken, uns übereinander freuten, den späten Frühling genossen, da kam es dann plötzlich:

„Ich bin schwanger“

Und mein Herz machte (tatsächlich) einen Aussetzer vor Freude, und froher Erwartung, sodass ich anfangs gar nicht den ernsthaften Ausdruck in ihrem Gesicht bemerkte. Erst viele Sekunden später realisierte ich diesen auch.

Und mir wurde kalt und klamm ums Herz, denn ich ahnte, was wohl anschließend folgen wird. Meine diesbezügliche Intuition wurde auch nicht ‚enttäuscht‘:

„Ich werde abtreiben“

In ihrem Gesicht las ich die gleiche Verzweiflung, welche mich im selben Moment überkam und ich fragte nach dem Grund. Die Antwort hatte nichts mit uns zu tun, sondern mit ihrem (fehlgeschlagenem) Unternehmertum dahinter (was aber auch nicht weiter zum Thema beiträgt i.Ü.)

Mich übermannten Gefühle einer völligen Verzweifelung, der bizarren Vorstellung es ihr auszureden und der stillen Hoffnung, dass es dennoch nicht soweit kommen wird, wie prophezeit.

Und da diese Frau mich liebte, wie ich sie eben auch, war es eben auch für sie wohl nicht einfach, da eher der introvertierte Typ auf exaltierte Art. Um ehrlich zu bleiben, sie hat wohl auch mit sich gerungen.

Und was waren meine Optionen?

Nun, sie waren klitzeklein. Sozialisiert, wie man als Mann heutzutage zu sein hat, ergab ich mich meinem Schicksal, das eines ungeborenen Kindes zu ebengleichen werden sollt. Ich sagte:

„Ja – ich freue mich auf unser Kind“ und gleichzeitig „Ja, ich respektiere deine Entscheidung“ (was ich auch tat – und ‚was anderes hätte ich auch tun können, in diesem Land).

Um nicht missverstanden zu werden: Sie kämpfte mit sich selbst und wusste sogar das Sternzeichen , welches sie recherchiert hat. Sie machte es sich also auch nicht einfach. So rungen wir mitenander und wurden uns nicht einig.

Die Realität ist grausam

Das sind nicht meine Worte, sondern die von der Frau, welche ich mal liebte. Sie nannte diese im Zusammenhang mit der vorgeschriebenen Ultraschall-Untersuchung und meinte, dass es weh tut, einen Herzschlag sehen zu können; einen, den man vorher noch niemals gesehen hat.

Ich biss damals die Zähne aufeinander und fragte dennoch, warum wir diesen Puls nicht am Leben halten können. Es gab niemals eine Antwort darauf.

Und weil ein ‚Unglück‘ wohl selten allein kommt, kam am Tag vor dem Abort eine Dokumentation über das werdende Leben.

Niemals werde ich vergessen, wie ich in diesem Moment Rotz und Wasser heulte und die Ex mit starren Augen (und ohne erkennbare Gefühlsregung) auf den Monitor guckte. Vielleicht begriff ich in diesem Moment:

Realität ist kein Ponyhof

Wie auch immer, am nächsten Tag stand die Abtreibung an. Und Ex kämpfte damit, auch wenn ich solche Fragen wie „sollen wir das wirklich tun“ schon etwas schräg empfinde, im Kontext der Optionen.

Es hat sehr weh getan!

Einige Stunden später war es vorbei. Schluss, Aus, Feierabend! ES war weg und ich fix und fertig. Das war schlimm, noch schlimmer empfand ich allerdings dieses hier (denn es gab nur diesen einen Tagesordnungspunkt):

  • „Es war mein Problem – nicht deins!“

Soweit also das persönlichste, was ich bereit bin im WWW von mir preis zu geben und ich denke, jeder Blog, Kommentar oder Thread hat so seine eigene Geschichte. Mutation und Selektion halt. Auch zu Zeiten einer Christi Geburt aka Weihnacht.

Zuerst veröffentlich auf „Geschlechterallerlei
Genderama“ berichtete danach auch darüber


Persönlicher Nachtrag: Einen Abort kann man nicht mal ‚einsargen‘, sondern er wird zu(r) Hormocenta. Es wäre schön, gäbe es die Möglichkeit für alle Beteiligten, eine Abtreibung auch beerdigen und betrauern zu können.

Es nähme wohl nicht den Schmerz, könnte aber helfen, diesen zu lindern.
Die „Zeit“ nahm sich dieses Themas einmal an: „Wir haben abgetrieben

„Welche Rolle spielen Männer bei einem Schwangerschaftsabbruch? Ein Betroffener spricht über seine Seelenqualen, seine Hilflosigkeit und Wut

[..] Der Arzt in der Abtreibungspraxis hat ihm damals den Embryo mitgegeben, eigentlich ist das verboten. Thomas war dankbar dafür, dass er ihn in Händen hat halten dürfen: ein rötlicher Klumpen, klein wie ein Fingerglied. Er kaufte ein Tongefäß und legte den Embryo hinein. Sie haben ihn im Schrebergarten verbrannt und sich so gemeinsam von ihm verabschiedet – von dem Kind, das nur eine Möglichkeit blieb, und von allem, was es ausgelöst hat. Die Asche haben sie in eine Schachtel getan, sie ist immer noch im Gartenhäuschen. Sie rühren sie nicht mehr an.

Ich denke, es ist Alles gesagt.

 

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