Oder auch: Frauen unter sich – und wie sie die Welt sehen.

Der engagierte Blogger Lucas Schoppe – übrigens ein so genannter ‚Entsorgter Vater‘ mit Unterhaltspflicht, obwohl er seine Kinder nicht zu sehen bekommt, hat sich ausführlich mit dem Buch „Tussikratie“ beschäftigt, das u.a. auch
Arne Hoffmann schon positiv-negativ betrachtete.

Neben seiner eingehenden und reflektierten Rezension, hat er gleichzeitig auch einen offenen Brief an die beiden Autorinnen Theresa Bäuerlein (und Friederike Knüpling) auf seinem Blog „man tau“ geschrieben, den ich zwecks Multiplikationseffekt gerne hier veröffentliche und hoffe, dass dieser nicht nur die beiden Urheber dieses Sachbuches erreicht.

Hier nun sein lesenswerter Beitrag; in voller Länge und mit Dank an den Urheber für die Freigabe (Anm: Die Nummern in den Klammern beziehen sich auf die Seitenangaben des rezensierten Buches):

Der Geschlechterkampf als Selbstgespräch – Bäuerleins und Knüplings “Tussikratie”

In Theresa Bäuerleins und Friederike Knüplings Buch Tussikratie schreibt Knüpling einen Brief, den sie mit der Anrede „Liebe Männer” beginnt. Arne Hoffmann hat diesen Brief kritisiert und zugleich das Buch insgesamt hoch gelobt, auch Ole Wintermann hat das Buch sehr positiv besprochen, Christian Schmidt über ein Interview der Autorinnen einen Essay verfasst – aber niemand ist auf die Idee gekommen, Friederike Knüpling einfach mal zu antworten.

Das, natürlich, ist sehr unhöflich. Da ich hingegen, wie ja allgemein bekannt ist, ein sehr höflicher Mensch bin, habe ich einen Antwortbrief verfasst, der Einfachheit halber als offene Antwort auf einen offenen Brief. Hier ist er:

Sehr geehrte Frau Knüpling,

eigentlich hatte ich es mir ja abgewöhnen wollen, offene Briefe zu schreiben – schon allein, weil ich das Gefühl habe, mich mit einem offenen Brief immer sehr hart an der Peinlichkeitsschwelle zu bewegen. Da Sie aber für Ihr Buch Tussikratie, das Sie gemeinsam mit Theresa Bäuerlein verfasst haben, einen Brief mit der nun einmal ziemlich allgemeinen Anrede „Liebe Männer“ geschrieben haben und da ich mich damit selbstverständlich einfach angesprochen gefühlt habe, dachte ich, es sei zumindest höflich, Ihnen auch zu antworten.

„Die meisten Männer, die ich kenne, sind zwar durchaus bereit – und das übrigens ziemlich unabhängig von ihrem Geburtsjahrgang – , über Geschlechterverhältnisse zu sprechen. Aber die begriffliche Gruppe Männer betrachten sie in diesen Unterhaltungen meistens ausschließlich als Profiteure im Geschlechtergefüge.“ (S. 226)

Das schreiben Sie schon ziemlich zu Beginn Ihres Briefes und erzählen dann bald darauf von Ihrem Verdacht,

„dass der Fleiß, ein guter Feminist zu sein, für viele von Euch vor allem eine Methode sein dürfte, die Sprachlosigkeit über die eigene Situation zu verbergen.“ (226)

Nun ist männliche Sprachlosigkeit in Gesprächen über Geschlechterverhältnisse selbst schon ziemlich lange ein festes Thema solcher Gespräche, auch bei Männern: Ein Buch von Warren Farrell heißt beispielsweise Women Can’t Hear What Men Don’t Say.

Schon Arne Hoffmann allerdings war dann irritiert, wie Sie über diejenigen Männer schreiben, die dann doch den Mund aufmachen: Es befremde ihn,

„wie herablassend Knüpling über die Männerrechtler bzw. Maskulisten schreibt, ‚von denen manchmal im Sommerloch etwas in der Zeitung zu lesen ist‘.”

<Bild: “Alles ein Geschlechterkampf – oder wie?>

Es lohnt sich hier, einen größeren Absatz aus Ihrem Brief an die „lieben Männer“ zu zitieren, in dem Sie gleichwohl in dritter Person über „die Männerrechtler“ reden, als gehörten sie irgendwie zu einer ganz anderen, ganz seltsamen Spezies und als könnten sie in die Gruppe der angesprochenen Männer gewiss nicht einsortiert werden.

„Sie haben eine Übervorteilung von Frauen in der Bildung, bei der Gesundheit und im Familienrecht identifiziert. Manche von ihnen nennen sich Maskulisten oder Antifeministen. Sie scannen die Rechtsprechung und die Medien mit dem Rechenschieber der Geschlechter, und die Blogs, die sie über Väterrechte und Jungen schreiben, kommen merkwürdig fremd-vertraut her, wie ein Dialekt aus vergangenen Zeiten.“ (228)

Tja, wie man’s macht, macht man’s falsch. Auch wenn es natürlich ein paar lobenswerte Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel Ralf Bönt, dessen „Männerpanoptikum“ (233) sie viel Platz widmen.

„Denn für sich genommen, schreibt er, gilt ein Mann als wertlos; man erwartet von ihm, dass er von sich selbst absieht, für andere arbeitet, sich heroisch aufopfert.“ (232)

Das sind übrigens, wenn hier bei Ihnen auch zugespitzt, zentrale Thesen dieser „Maskulisten“ mit ihren Scannern und Rechenschiebern.

Das aber ist auch der Grund, warum ich diesen Brief schreibe: Ich wollte angesichts Ihres Briefs wissen, warum so viele Männer stumm wirken – und was Sie eigentlich (von ein paar willkürlich wirkenden Ausnahmen abgesehen) so gegen die Männer haben, die nicht stumm sind.

Warum Geschlechterfragen wirklich nicht so wichtig sind Denn insgesamt gefallen mir viele Passagen Ihres Buches sehr gut. Diese zum Beispiel:

„Eigentlich sind wir nicht sicher, ob es in der neueren Geschlechterdebatte wirklich um Geschlechter geht – oder nicht doch vor allem um ein paar Frauen.“ (11)

Sie schreiben zwar, das Geschlechterfragen „zu den spannendsten Fragen, die wir kennen“ (10), gehörten. Aber eben auch:

„Die Perspektive der Frauenbenachteiligung wird an alles und jeden angelegt, selbst wo das eigentlich nicht gerechtfertigt ist oder andere Fragen wichtiger wären.“ (12)

Das bezeichnen sie als „nicht mehr geschlechtersensibel oder geschlechtsbewusst“, sondern als „geschlechtsbesessen“. (12)Sie schreiben auch darüber, dass in Geschlechterdebatten

„eine Diskussion kaum mehr möglich ist, weil von vornherein feststeht, dass nur ganz bestimmte Beiträge erlaubt sind, und scheinbar auch, wer bestimmt, was erlaubt ist.“ (11)

Später schreiben Sie über „Big Sister“, die „nur sauber abgezählte Meinungen“ (293) zulasse.

Ich könnte natürlich noch lange mit dem Zitieren von Lieblingstextstellen fortfahren, bremse mich aber lieber mal, weil Sie den Text ja ohnehin kennen.Ich gestehe aber: Für mich gehören Geschlechterfragen eigentlich nicht zu den spannendsten Fragen, die ich kenne – und ich bin mir sicher, dass das vielen Männern ähnlich geht. Dass es bei diesem Interesse oder seinem Fehlen offenkundig Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, lässt sich jedoch in meinen Augen leicht erklären.

Bei basalen und unverzichtbaren pragmatischen Überlegungen zum eigenen Lebensunterhalt hilft Männern aller Schichten und fast aller Altersstufen der Rückgriff auf ihre Geschlechtszugehörigkeit traditionell wenig. Wichtiger ist der Beruf, sind spezifische Fähigkeiten, die sie auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich konkurrieren lassen. Geschlechterfragen haben für Männer in dieser Hinsicht einfach wenig Sinn. Bei Frauen ist das anders, oder zumindest: bei einigen Frauen. Für bürgerliche Frauen waren basale Fragen des Überlebens deutlich stärker als für Ihre Männer direkt mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit verknüpft, mit ihrer Fähigkeit, eine Funktion als Ehefrau und Mutter auszufüllen. Spezifische berufliche Fähigkeiten, die sie von anderen Frauen grundsätzlich unterschieden hätten, spielten dabei traditionell kaum eine Rolle, oder sie störten sogar.

So lässt sich vielleicht erklären, warum die so sehr im traditionellen Geschlechterdenken wurzelnde Geschlechtsbesessenheit feministischer Positionen seit eh und je nicht nur für Männer unverständlich ist, sondern auch für viele Frauen – für die nämlich, die sich nicht in bildungsbürgerlichen Kontexten bewegen.

Aus dieser Perspektive ist für mich  der neuere Feminismus auch gar keine progressive Bewegung. Dass

„durch die Frauenbewegung und andere Ereignisse eine gesellschaftliche Situation entstanden ist, die (…) die Chance auf eine Neudefinition bedeutet“ (230),

habe ich ganz anders erlebt – als ein Trennungsvater, der sieht, wie konsequent wesentliche Blockaden gegen die Gleichberechtigung von Müttern und Vätern eben durch frauenbewegte Frauen und konservative Familienpolitiker errichtet werden.

Für mich ist der neuere Feminismus eher eine Bündelung diffuser reaktionärer Impulse unter einem notwendig unbestimmtem Oberbegriff – eine Maschinerie, deren wesentlicher Zweck darin besteht, die klassische Versorgungsposition bürgerlicher Frauen auch unter solchen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen aufrechtzuerhalten, unter denen sie längst dysfunktional geworden ist.

Zentraler Bestandteil dieser Maschine ist wohl die Rede vom „Patriarchat“, die eben deshalb durch widersprechende Fakten nicht korrigierbar ist, weil sie eine so wichtige Funktion erfüllt. Da Frauen seit Tausenden von Jahren durch Männer unterdrückt worden und auch heute noch unterprivilegiert wären, stünde ihnen ein Ausgleich zu – eine Schuld, die angesichts der allgegenwärtigen Unterdrückung natürlich niemals ganz abgegolten sei.

Sie und Theresa Bäuerlein jedoch schreiben:

„Wir müssten uns darüber klar werden, wann es wirklich sinnvoll ist, über Geschlecht zu sprechen – und ansonsten den Blick frei geben für eine breitere Diskussion über soziale Verhältnisse.” (17)

Und etwas später:

„Um (…) mehr über Verteilungsfragen zu lernen – also über die Verteilung von Gütern und Freiheiten etwa zwischen Arm und Reich oder zwischen Beschäftigten und Unternehmern – , müssten wir unsere Gedanken von der fixen Idee lösen, es ginge immer und überall um die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern.“ (30)

Das ist eine Interpretation, die unter den  „Männerrechtlern“ schon lange zum Gemeingut geworden ist: Dass die Inszenierung eines Geschlechterkampfes an Stelle des ohnehin nicht mehr ganz glaubwürdigen Klassenkampfes dem Zweck diene, soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu verdecken.
Warum es nichts nützt, zum Geschlechterkrieg einfach nicht hinzugehen Sie beenden  Ihr Buch mit einem gemeinsamen Brief an die „lieben Frauen“ und schreiben:

„Letztlich können die fein säuberliche Trennung zwischen Männern und Frauen und der Grabenkampf der Geschlechter, der sich daraus zumindest gedanklich ergibt, uns weder Gerechtigkeit noch Glück bringen.“ (296)

Und etwas später, fast als Schlusswort des gesamten Textes:

„Der Geschlechterkampf hat lange genug gedauert, allmählich sollte echter Frieden einkehren.“ (298)

Ich hatte bei diesen Sätzen sofort eine Frage, die Ihnen und den angesprochenen lieben Frauen vermutlich ziemlich fern liegt: Wann eigentlich haben sich denn Männer an diesem Geschlechterkampf als Kontrahenten beteiligt?

Ob es nun um Frauenquoten geht, oder um Frauenförderung, oder um Gleichstellungsbeauftragte, die seltsamerweise weiblich sein müssen, oder um Mädchenförderung unter Verzicht auf Jungenförderung, um Gewaltschutz exklusiv für Frauen, um den Schutz mütterlicher Vorrechte auf Kosten von Vätern (und Kindern) – nichts davon wäre möglich, wenn nicht Männer zu einem großen Teil und entscheidend daran beteiligt gewesen wären und wenn nicht ein noch größerer Teil der Männer billigend oder zumindest stillschweigend zugeschaut hätte.

Der Geschlechterkampf, von dem Sie reden, ist traditionell eine seltsam einseitige Angelegenheit, bei der Männern eine schräge Doppelrolle zugewiesen wird: Als Verkörperung der unerbittlichen, grausamen, herrschsüchtigen, vergewaltigenden Feinde – und zugleich als Friedenstruppe und Rote-Kreuz-Helfer, die den (weiblichen) Verwundeten dieses Kampfes zu helfen hätten.

Aber natürlich hätten Männer schon seit Ewigkeiten einen Geschlechterkampf geführt, die Frauen seien nur eben erst in jüngerer Zeit bereit, gegen die patriarchale Herrschaft zurückzuschlagen:

So ungefähr sieht die traditionelle Antwort auf die Frage aus, wo denn bitteschön Männer eigentlich einen Geschlechterkampf führten. Diese Antwort bedient sich in meinen Augen eines simplen Zirkels, der in der medial so gepuschten Aufschrei-Debatte besonders sichtbar wurde:

Beiträge von Männern über eigene Sexismus-Erfahrungen wurden als „Derailing“ ausgegrenzt, weil sich darin nur das Festhalten an patriarchalen Privilegien zeige – und da die Idee „patriarchaler Strukturen“ so nicht angetastet werden konnte, war auch die Ausgrenzung der Männer jederzeit legitimiert.

Ein trotz des ernsten Themas komisches Beispiel für diese Fixierung auf die Idee einer Männer- bzw. Väterherrschaft lieferte eben gerade die taz: Heide Oestreich berichtet dort überraschend offen und klar über Väter, die nur noch als „Erzeuger und Geldmaschine“ taugen, und zitiert dann einen der Betroffenen:

„Mir ist jetzt erst so richtig aufgefallen, was es heißt, im Patriarchat zu leben.“

Die Inszenierung eines Geschlechterkampfes kann auf die Phantasie eines Patriarchats eben selbst dann nicht verzichten, wenn Frauen noch weit verbissener als Männer an tradierten Strukturen festhalten und wenn Männern Rechte vorenthalten werden, die für Frauen selbstverständlich sind.

So lässt sich vielleicht Ihr Eindruck erklären, dass Männer zu ihrer Situation als Männer bemerkenswert wenig zu sagen hätten. Männer fallen angesichts eines solchen Kampfes in zwei ganz unterschiedlich große Gruppen auseinander:

Viele  stehen dem inszenierten Kampf mit einer Mischung aus Irritation, Wohlwollen und einem sehr großen Anteil Desinteresse gegenüber. Sie haben verständlicherweise den Eindruck, dass es sowohl ernsthaftere als auch interessantere Themen gibt, über die man sich den Kopf zerbrechen könnte.

Gerhard Schröder hat diese Haltung mit seinem Gerede vom „Gedöns“ gewohnt bedenkenlos auf den Punkt gebracht.

Deutlich weniger Männer aber geraten in die Position zu merken, dass der „Geschlechterkampf“ nicht nur eine Metapher ist, sondern reale Opfer fordert. Männer zum Beispiel, die voll arbeiten, zugleich finanziell ruiniert sind, weil sie ihre Ex-Frauen unterstützen müssen, und die seit Jahren ihre Kinder nicht mehr sehen konnten – ohne dass ihnen irgendetwas vorzuwerfen gewesen wäre. Dass männlichen Menschen ganz oder weitgehend der Kontakt zu ihren Kindern genommen werden kann, und Kindern der zu ihren Vätern, einfach weil das die Mütter willkürlich und ohne Notwendigkeit einer Erklärung so entschieden haben – das hätte ich niemals für möglich gehalten, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte.

Ähnlich ergeht es Männern, die Opfer von Gewalt werden und die erleben, dass ihnen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit regierungsamtlich nicht nur der Anspruch auf Schutz versagt bleibt, sondern dass sie auch noch pauschal als Täter diffamiert werden. Oder auch Jungen, die in der Schule in erhebliche Schwierigkeiten geraten und denen selbstgefällig attestiert wird, das läge halt an ihrer Fixierung auf obsolete Männlichkeitskonzepte.Wenn allerdings solche Menschen oder die, die sich für sie einsetzen, den Mund aufmachen, haben Sie dafür ein Geste übrig, die zu einem Reflex in Geschlechterdebatten geworden ist und die zum Rest Ihres Textes kaum passt:

Sie sprechen von „Opfergetue“ (229). Auch in diesem Reflex zeigt sich in meinen Augen eine reaktionäre Haltung, die an der Vorstellung festhält, dass sich für einen richtigen Mann das „Gejammere“ nicht ziemen würde.So haben dann aber eben beide Gruppen von Männern, die desinteressierten Zuschauer und die Leidtragenden des Geschlechterkampfes, gute Gründe, den Mund zu halten.

Wie man über Selbstgespräche Selbstgespräche führt  „Ein erfreulicher frischer Wind“ – so hat Christian Schmidt in seinem Blog Alles Evolution ihre Positionen bezeichnet. Das ging mir in vielen Passagen Ihres Buches ähnlich, insbesondere dort, wo Sie – ganz anders als sonst in  Geschlechterdebatten üblich – die Perspektiven von Männern umstandslos einbeziehen.

„Meiner Ansicht nach sollte es keine Themen geben, die in Anwesenheit von nur einem Geschlecht besprochen werden können.“ (98)

Eben diese zivile Selbstverständlichkeit, zur Wahrnehmung der anderen Perspektiven bereit zu sein, fehlt im „Kampf“ – und dass sie fehlt, befeuert wiederum die Fortführung des Kampfes.Tatsächlich greifen Sie und Theresa Bäuerlein ja eine Menge Überlegungen aus der Männerbewegung auf, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Sie das überhaupt wissen oder ob es sie überhaupt interessiert.

„Oben gibt es die gläserne Decke – aber keineswegs nur für Frauen, und auch nicht für alle von ihnen. Unten wiederum hat man dünnes Eis, während die Mieten munter steigen …“

Mit dieser Passage aus Ihrem Brigitte-Interview wiederholen Sie beispielweise fast wörtlich ein sprachliches Bild, mit dem Warren Farrell schon vor zwanzig Jahren die Rede von der gläsernen Decke relativiert hatte – mit dem Hinweis auf den „gläsernen Keller“, in dem Männer meist allein sitzen würden. (Mythos Männermacht, S. 127ff.)

Wenn Sie über die „Diskurspolizei“ der „Big Sister“ sprechen (293), über die Fragwürdigkeit der Gender Pay Gap-Konstruktion und der Rede einer „Diskriminierung“ (90) von Frauen beim Lohn, über den „Unterton diebischer Freude“ (15), mit dem Rosin über das Ende der Männer schreibe, über den falschen Ansatz, „Geschlechterverhältnisse (…) als Nullsummenspiel“ (17) zu verstehen, über die Fragwürdigkeit der „Co-Feministen“ (227), über die Fragwürdigkeit der Vorstellung, dass Frauen eine „moralische Überlegenheit“ (297) besäßen, wenn Sie das „Bild des amoralischen, triebgesteuerten Mannes“ (174) kritisieren oder das „Bild einer Welt voller rücksichtsloser Männer“ (143), die „schwanzgesteuert und egoistisch“ (146) seien – in jedem Fall beziehen Sie Positionen, die zu einem guten Teil schon vor Jahren von Männerrechtlern bezogen wurden, oder von Autoren, die feste Bezugspunkte von Männerrechtlern sind, etwa von Farrell (den der von Ihnen angeführte Ralf Bönt ebenso wie Sie fast wörtlich zitiert), von Arne Hoffmann, von Christoph Kucklick und anderen.

Dass Sie diese Quellen fast niemals angeben, finde ich kaum problematisch. Politische Ideen unterliegen schließlich mit gutem Grund keinem Urheberrecht – es ist ja gerade ihr Sinn, dass andere sie übernehmen und sich zu eigen machen.

Da solche Quellen von Ihnen jedoch zugleich als „wütender Protest, der nicht viel bewirkt“ präsentiert werden und als bloßes Thema für das Sommerloch (228), da Sie den Eindruck erwecken, es ginge Männern lediglich darum, sich zur Abwechslung einmal selbst als Opfer einer allgemeinen Frauenherrschaft zu präsentieren –  da dies so ist, bekommt diese Auslassung einen anderen Charakter. Sie bedienen damit dann nämlich das Klischee, dass sinnvolle Beiträge zur Geschlechterpolitik eigentlich nur von Frauen geleistet worden seien, während Männer  traditionell irgendwie zwischen wütendem Knurren und verbissenem Schweigen hin- und hergehüpft wären.

Selbst noch die Kritik an der weiblichen Hegemonie in Geschlechterdebatten ist damit – Frauensache.

Dass Frauen die beständige Inszenierung als Opfer allgegenwärtiger männlicher Herrschaft nicht nur nützt, sondern auch schadet – das interessiert Sie denn auch deutlich mehr als die Tatsache, dass es bei der Inszenierung eines Geschlechterkampfes auch reale Leidtragende gibt.

Über „Väterrechte“ (228) schreiben Sie beispielweise, wenn ich richtig sehe, in Ihrem Buch nur ein einziges Mal – um sich über Männerrechtler, die für diese Rechte eintreten, lustig zu machen. Dabei gibt es ja kaum ein anderes Thema, an dem die Ambivalenz der von Ihnen als „Tussikratie“ präsentierten Geschlechterpolitik, deren Widersprüchlichkeit zwischen progressivem Selbstbild und reaktionärem Agieren so deutlich wird wie bei der systematischen Verletzung dieser Rechte.

Daher hatte ich schließlich auch nicht den Eindruck, dass Sie  mit Ihrem Buch zu einem Ende des endlosen öffentlichen Selbstgesprächs einiger privilegierter Frauen und ihrer privilegierten männlichen Claqueure beitragen, das sich als „Geschlechterdebatte“ tarnt, sondern dass Sie dieses Selbstgespräch lediglich mit einem halbwegs neuen Dreh weiter führen.

Allein die Tatsache aber, dass eine solche neue Windung offenbar nötig wird, lässt manche Ihrer Kritikerinnen schon vor Wut kochen – und allein das macht mir Ihr Buch schon sympathisch. Dass das festgezurrte weibliche Selbstgespräch sich überhaupt verändern muss, um fortgeführt werden zu können, dass die Beteiligung von Männern dabei zumindest simuliert werden muss – das, immerhin, ist ein Grund zur Hoffnung darauf, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis sich wirklich etwas ändert.

Mit freundlichen Grüßen

Lucas Schoppe

Literatur, soweit nicht verlinkt:

Theresa Bäuerlein/Friederike Knüppling: Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch machen und Männer nichts richtig machen können, München 2014 (Ich zitiere nach der elektronischen Ausgabe)

Warren Farrell: Mythos Männermacht, Frankfurt am Main 1995

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Quelle: „man tau“, 8. Mai 2014
(besser formatiert und mit allen Links)

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